Was liest die Welt | Buchhandlung TAK in Istanbul. Thomas Mühlbauer © privat
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radio3-Reihe "Was liest die Welt?" (1) - Die Deutsche Buchhandlung TAK in Istanbul

Was liest die Welt? Das fragen wir bei radio3 in diesem Sommer deutsche Buchhändlerinnen und Buchhändler weltweit. Welche deutschen Bücher möchten die Spanier lesen? Welche literarischen Debatten interessieren die Leserinnen und Leser in New York? Und welche Bücher aus der Türkei sollten wir in Deutschland lesen? In der ersten Folge sprechen wir mit Thomas Mühlbauer, dem Inhaber der türkisch-deutschen Buchhandlung TAK in Istanbul.

radio3: Seien Sie gegrüßt, hallo Herr Mühlbauer! Befinden Sie sich denn gerade in Ihrem Buchladen?

Thomas Mühlbauer: Nein, ich hab den verlassen, weil wir mittlerweile ein Buch-Café haben und da ist die Untermalung nicht so perfekt für ein Gespräch. (lacht)

radio3: Dazu kommen wir gleich noch. Die Buchhandlung, die Sie betreiben, wurde von Ihrem Vater 1955 gegründet. Das ist also wirklich eine Buchhandlung mit Geschichte. Sie und Ihr Bruder führen Sie weiter. Welche Motivation steckte denn damals hinter der Gründungsidee Ihres Vaters?

Mühlbauer: Das ist eigentlich noch immer so, dass unser Hauptgeschäft Deutsch als Fremdsprache bzw. Schulbücher sind. Von der Lokation der Buchhandlung: das Goethe-Institut und die Deutsche Schule sind hier ganz in der Nähe. Dann gibt es am Galataturm auch nicht weit weg die österreichische Schule. Mittlerweile ist Deutsch als zweite Fremdsprache ganz groß in der Türkei. Wir sind auch Exklusivpartner des Huber-Verlags. Das ist einer der größten Fremdsprachen-Verlage in Deutschland. Wir haben zwei Mitarbeiterinnen, die sind beide auch Lehrerinnen. Sie bereisen die ganze Türkei und stellen unsere Bücher vor. Das ist das Hauptgeschäft.

radio3: Sie haben gerade schon das Goethe-Institut und die Deutsche Schule genannt. Wer kommt denn alles zu Ihnen?

Mühlbauer: Das ist ganz querbeet. Früher, als wir noch eine reine Buchhandlung waren, wurden wir natürlich eher von Leuten frequentiert, die auch etwas mit Deutsch zu tun haben: ansässige Deutsche oder diejenigen, die die von Ihnen genannten Schulen absolviert haben.

Aber seitdem wir vor zwölf Jahren ein Café integriert haben, kommen auch Leute, die eigentlich gar nichts mit Deutsch zu tun haben. Wir haben so einen Ruhepol – in einer doch relativ lauten – Stadt gebildet. Größtenteils kommen Studentinnen und Studenten, die schon fast ihr Homeoffice bei uns eingerichtet haben.

radio3: Ich habe auch gelesen, es gibt sogar deutschen Bienenstich bei Ihnen. Stimmt das?

Mühlbauer: Genau. Nicht nur mit dem Literarischen, sondern auch dem Kulinarischen haben wir versucht, eine Synergie zu schaffen. Neben einem Bienenstich dann einen türkischen Kaffee zu trinken, zum Beispiel.

radio3: Kommen wir mal zu Ihrem Sortiment. Wie sieht denn die Mischung aus, neben Lehrbüchern über die deutsche Sprache und Deutsch als Fremdsprache? Was bieten Sie alles an?

Mühlbauer: Wir haben alles querbeet. Wir versuchen natürlich auch, die Spiegel-Bestseller, zumindest die ersten vier, fünf zu haben. Wobei ich dazu anmerken muss, dass man wegen der Preise in der Türkei eher keine gebundenen Bücher bestellt, wenn die nichts mit der Türkei zu tun haben. Wir gucken eher auf Taschenbücher. Sowohl bei Belletristik als auch Sachbuch.

radio3: Und deutschsprachige Literatur in der Türkei, wie sehr ist sie überhaupt ein Thema? Wird auf sie geschaut?

Mühlbauer: Ja, natürlich. Früher war es noch ein bisschen mehr. Da gab es auch die ganzen technischen Berufe oder auch Ärzte. Wir hatten eine fachspezifische Abteilung für diese beiden Sparten. Aber es sind v.a. viele Klassiker, die übersetzt worden sind und die im Original gelesen werden wollen. Mittlerweile nicht nur Klassiker, sondern moderne Klassiker wie Schlink oder Süßkind. Auch die ganz neuen wie Juli Zeh.

radio3: Ist das identisch zu den Büchern, die auch gerade in Deutschland erfolgreich sind? Oder gibt es da nochmal eine eigene Welt? Wie beobachten Sie das?

Mühlbauer: Ja, das sind viele Schulbuch-Empfehlungen. Die deutschen Schulen, die wir gerade angesprochen haben, lesen auch Ferienlektüren. Die wollen sich immer "up to date" halten. Weniger Kunden orientieren sich an den deutschen Bestsellerlisten.

radio3: Interessieren sich türkische Menschen für Bücher, die von der zweiten, dritten Generation der Menschen, die nach Deutschland kamen, geschrieben wurden – wie Fatma Aydemir oder Deniz Utlu? Das sind ja unglaublich erfolgreiche Autor:innen derzeit in Deutschland, die auch sehr viel über ihre Wurzeln, seien es türkische oder kurdische, schreiben. Ist das ein Thema in der Türkei?

Mühlbauer: Das ist schon ein Thema, ja. Gerade diejenigen, die wieder zurückgekehrt sind, interessieren sich dafür sehr, weil das einen Wiedererkennungswert hat. Wir hatten hier eine Versammlung eines sogenannten Rückkehrerstammtisches. Das waren größtenteils Akademiker, die 2001 zurückgekommen sind und hier sehr erfolgreich waren.

Ich drücke es auch immer so aus: die zweite Generation hat sich ein bisschen verloren gefühlt. Die hat eher gesagt: wir sind weder noch. Aber die dritte Generation hat sich beider Nationalitäten angenommen und gesagt: wir sind besonders stark, wir sind in beiden Kulturen aufgewachsen.

radio3: Das heißt, Ihr Café ist auch ein Treffpunkt. Finden dort denn auch Veranstaltungen statt?

Mühlbauer: Ein Treffpunkt war es vorher auch. Wir haben eine Pinnwand, wo die ersten Kontakte geknüpft werden können. Auch wenn wir nicht unmittelbar weiterhelfen können, so können wir doch bestimmte Wege zeigen. Veranstaltungen haben wir – die sind eher spontan. Wir hatten Lesungen vom berühmtesten türkischen Krimiautor in Zusammenarbeit mit dem Generalkonsulat.

radio3: Wer ist der Krimiautor?

Mühlbauer: Ahmet Ümit. Und İlber Ortaylı, das ist ein sehr, sehr bekannter Historiker. Dann war mal Christiane Schlötzer da, eine berühmte Redakteurin von der Süddeutschen Zeitung. Sie hatte ein Stipendium von der Kulturakademie.

Teilweise haben wir dann auch Konzerte. Neulich war ein A-cappella-Chor da, hier ansässig mit deutschem Hintergrund. Jetzt haben wir eine Fotoausstellung. Aber man kann nicht sagen, dass ich jeden Monat eine Lesung veranstalte. Das kommt dann, wie es sich ergibt.

radio3: Ich möchte Sie zum Schluss noch fragen, welche Bücher aus der Türkei würden Sie wiederum deutschen Leserinnen und Lesern empfehlen?

Mühlbauer: Da habe ich kein bestimmtes. Es kommt darauf an, aus welchen Epochen. Ich kann das nur an Autorinnen oder Autoren festmachen: Sabahattin Ali, Ahmet Hamdi Tanpınar von den klassischen, Nâzım Hikmet zählt natürlich dazu. Die Türkei ist ja auch eine jüngere Republik: Yaşar Kemal zum Beispiel, Orhan Pamuk natürlich, der den Nobelkreis gekriegt hat. Für moderne Klassiker: Elif Schafak und Zülfü Livaneli.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, radio3. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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