Lucia Della Ratta in der MAske während eines Fotoshootings der Model Agentur "L'Iimperfetta" in Rom © picture alliance/ AP/ Alessandra Tarantino
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Die Debatte mit Ann Kristin Schenten, Moshtari Hilal und Iris Radisch - Schöne hässliche Körper

"Schönheit hat die Unschuld verloren." (Moshtari Hilal)

Das Diktat der Schönheit überhöht die einen und wertet die anderen ab. Unterworfen sind wir ihm alle. Die gängigen Schönheitsnormen, wie etwa schlank sein oder jung sein, hinterfragen wir vielleicht. Frei machen können wir uns von ihnen jedoch kaum. Die Autorin Moshtari Hilal plädiert in ihrem Buch “Hässlichkeit” (Hanser) für einen ehrlicheren Umgang mit der Schönheit. Sie wünscht sich eine schonungslose Befragung, wen wir eigentlich meinen, wenn wir von hässlich sprechen und was diese Zuschreibungen anrichten. Die ZEIT-Autorin Iris Radisch schreibt über das eigene Älterwerden. Frauen würden mit zunehmend Alter unsichtbar gemacht. Ihr fehlen weibliche Vorbilder für einen souveränen Umgang mit dem Alter. Beide versuchen, neue Denkweisen über Schönheit und Hässlichkeit zu finden.

Unser Internet ist voll mit Anleitungen und Tutorials. Schritt für Schritt kann man sich nicht nur operieren, sondern kann seine Gesichtskonturen schon anders schminken. Wir können unsere Ernährung umstellen, ohne Ernährungsberater. Wir können uns Trainingspläne erstellen, ohne Fitnesstrainer. Es ist alles eigentlich viel einfacher, so wird uns das verkauft. Und weil uns das alles so einfach und zugänglich erscheint, sind wir schuld, wenn wir am Ende noch hässlich sind oder dem Ideal nicht entsprechen. Unser Schönheitsbild ist mit noch mehr Druck verbunden, weil wir nicht mehr so geboren sein müssen, sondern weil jeder jetzt so werden kann.

Moshtari Hilal

Viele Leser und vor allem Leserinnen haben mir jetzt geschrieben: ' Fühlen Sie sich doch einfach wohl, seien Sie doch einfach eine souveräne Alte, dann ist doch alles gut.' Nein, möchte ich da antworten. Dann ist eben nicht alles gut. Es geht um unser gemeinsames Bilderreservoir, um unsere gemeinsamen Erzählungen. Wir sind nicht einzeln auf der Welt und es kann mir nicht nur alleine gut gehen mit meinem Verhalten und mit meinem Alter. Ich bin eingebettet und ich möchte natürlich ungern aus dieser öffentlichen Ausstellung ausgeschlossen werden.

Iris Radisch
Moshtari Hilal (© Prissilya Junewin) und Iris Radisch (© Thorsten Wulff)
Moshtari Hilal und Iris Radisch Bild: Prissilya Junewin | Thorsten Wulff

Gäste

Moshtari Hilal, geboren 1993 in Kabul, ist Künstlerin, Kuratorin und Autorin, sie lebt in Hamburg. Sie studierte Islamwissenschaft in Hamburg, Berlin und London mit Schwerpunkt auf Gender und Dekoloniale Studien und ist Mitgründerin des Kollektivs Afghan Visual Arts and History sowie des Rechercheprojekts Curating Through Conflict with Care. Ihr Buch "Hässlichkeit" erschien 2023 bei Hanser.

Iris Radisch, geboren 1959 in West-Berlin, ist Autorin und Redakteurin im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT. Sie gehörte zum Team der ZDF-Sendung "Das literarische Quartett" und war Mitglied der Jury des "Ingeborg-Bachmann-Preises", deren Vorsitz sie fünf Jahre innehatte. Ihre Titelgeschichte "Älterwerden: Und plötzlich bin ich alt" erschien in der Ausgabe 51/2023 der Wochenzeitung DIE ZEIT.

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