Probenszene zum Sommertheaters "Krabat" des Staatstheaters Cottbus
Bernd Schönberger
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Staatstheater Cottbus | Sommertheater Open Air - "Krabat"

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Im Sommer zieht es das Staatstheater Cottbus hinaus ins Freie und es beendet die Saison mit einer Open-Air-Inszenierung im Hof der Alvensleben-Kaserne. In diesem Jahr hat man sich für "Krabat" entschieden, die auf sorbischen Legenden basierende Erzählung vom bettelarmen Jungen, der sich beim bösen Müller als Lehrling in der "Schwarzen Mühle" verdingt und nicht nur das Müller-Handwerk erlernt, sondern auch die Schwarze Magie. Ein Pakt mit dem Teufel, von dem sich Krabat nur durch die Liebe einer Frau befreien kann. Regie führt Wolfgang Michalek, der mit Armin Petras eine neue Textfassung des alten Sagen-Stoffes erstellt hat.

Am Mittag des Premierentages hatte Petrus noch alle Schotten für einen Regenguss aufgemacht. Aber dann hatte er ein Einsehen und in den weitläufigen Hof der ehemaligen Kaserne schien eine milde Abendsonne. Das war auch bitter nötig: Denn nicht nur die Zuschauer sitzen auf den Tribünen und die Darsteller agieren auf einem stilisierten Mühlen-Gelänge schutzlos im Freien, auch das neben der Spielfläche errichtete sorbische Dorf mit seinem bäuerlichen Treiben wäre in eine matschige Rutschpartie verwandelt worden.

Staatstheater Cottbus: Krabat © Bernd Schönberger
Bild: Bernd Schönberger

Zauberspiel über Mythen und Märchen, Macht und Magie

Aber in diesem sorbischen Dorf, das so oder so ähnlich im 17. Jahrhundert existiert haben könnte, beginnt die Inszenierung mit einem Vorspiel: Während das Publikum noch herumschlendert, sich bei einer Wahrsagerin die Karten lesen lässt, den Zaubertricks der Gaukler folgt und den Klängen der Musiker lauscht, geistert eine verzweifelte Mutter durchs Dorf und will ihr frisch geborenes Baby in einem Wasserfass ertränken. Nur durch den Einspruch einer sorbischen Wunderfee, der "Mittagsfrau", die in dem Jungen den Befreier der von fremden Mächten unterdrückten Sorben sieht, kann sie davon abgehalten werden.

Während die Fee unter Anteilnahme und Mitwirkung von Sprech- und Gesangschören den Jungen vorm frühen Tod rettet und "Krabat" zur Bewährung, Ertüchtigung und Vollendung seiner Mission hinausschickt in die Welt, geleiten die Mitwirkenden das Publikum hinüber zu den Tribünen und zur schwarzen Mühle, in der sich das Zauberspiel über Mythen und Märchen, Macht und Magie ereignet.

Staatstheater Cottbus: Krabat © Bernd Schönberger
Staatstheater Cottbus: "Krabat" (Probenfoto) | Bild: Bernd Schönberger

Ein sorbischer Faust

Die Legende von "Krabat" wird in Romanen, Theaterstücken und auch in einer Oper erzählt. Michalek und Petras wildern in den Vorlagen und Varianten und machen aus Krabat einen sorbischen Faust, der sich zwar aus den Fängen des Teufels befreien kann, aber am Schluss ziemlich einsam und verlassen durch die Welt irrt, zu einer Legende des Widerstands und der Freiheit wird und sich in Zeit und Raum verliert. Im Kinder- und Jugendbuch von Otfried Preußler rettet die Liebe eines Mädchens den vom Bösen befallenen Krabat und befreit ihn aus den Fängen des Teufels. In der Version von Michalek und Petras ist es, wie in den meisten sorbischen Sagen, die Mutter, die unter den zu Raben mutierten Müllersgesellen ihren verlorenen Sohn erkennt und die Macht des Bösen besiegen kann. Doch es ist ein vergifteter Sieg: Das Mädchen Kantorka erkennt ihren zum Magier und Helden werdenden Krabat gar nicht wieder, sie will geliebt werden und hat keinen Bock auf sein Freiheitsgeschwafel und Heldengetue und stapft genervt von dannen.

Die Revolution frisst ihre Kinder, und wer sich mit dem Teufel einlässt, trägt das Krebsgeschwür des Bösen in sich und wird es nicht mehr los.

Das Spielfeld wird zur Zauberwerkstatt

Um die faustischen Verstrickungen von Krabat zu betonen, wird gelegentlich à la Goethe in faustischen Reimen und Versen gesprochen. Ein paar dialektische Brecht-Brocken und fatalistische Heiner-Müller-Sentenzen meint man zu hören, wenn die Sprech- und Gesangschöre ihre Kommentare anstimmen und ein Musiker auf seiner E-Gitarre sorbisches Liedgut zerschreddert: eine ziemlich komplizierte Gemengelage.

Das von Francis O´Connor entworfene Spielfeld wird zur Zauberwerkstatt, in der die blutige Schlacht um Gut und Böse ausgetragen wird. Im Zentrum liegt ein riesiger Mühlstein, auf dem gekämpft und gezaubert, gesungen und getanzt wird, wenn die gemarterten Müllersgesellen den Mühlstein nicht gerade drehen, hetzen sie über Laufstege, wuchten Kornsäcke in die Höhe und mahlen unter viel Theaterdampf das Mehl. Der Müller residiert derweil hoch oben auf einem Rednerpodium unter den Windmühlenrädern und geifert seine Anweisungen und magischen Sprüche ins Mikrofon: Ein rücksichtsloser Diktator und schleimiger Menschenfänger, der über Leichen geht, aber auch um sein eigenes Leben zittert. Denn er weiß um die Kraft der Liebe, die sein Reich zum Einsturz bringen kann, und er zittert vor der Macht des Raben, der - als gigantische Puppe von mehreren Spielern geführt - Furcht und Schrecken verbreitet und auf die Gräber und Särge verweist, die hinten im Hof der Kaserne auf Kundschaft warten.

Staatstheater Cottbus: Krabat © Bernd Schönberger
Bild: Bernd Schönberger

Großartige Leistung an einem Abend mit kleinen Schwächen

Die verschiedenen Spielorte und vielfältigen Figuren, die kraftvollen Chöre, lässigen Gesänge und herrlichen Songs, die für Krabat und Kantorka, Mittagsfrau, Müller und Meister komponiert wurden: das alles ist optisch und akustisch von betörender Fantasie und Schönheit, fast ein Overkill an theatralischen Mitteln und künstlerischen Möglichkeiten, der aber manche Fragezeichen auch nicht überdecken kann.

Die Inszenierung wirkt unfertig, ist nicht aus einem Guss und nicht bis ins letzte Detail durchdacht. Was mit tollen Songs und tollkühnem Spiel schlüssig beginnt und die Macht des Bösen als Verlockung zeigt, der man kaum widerstehen kann, verliert zum Finale hin an theatralischer Überzeugung und wird zur bloßen Rhetorik. Die Befreiung Krabats, seine Zukunft als einsamer Held und durch die Zeiten wandelnde Legende wird nicht mehr gespielt und gezeigt, sondern nur besprochen und behauptet. Wenn die Mitwirkenden zum finalen Gesang die Zuschauer an die Hand nehmen und mit ihnen hinüber ins sorbische Dorf tanzen, um mit ihnen ein Fest der Freiheit zu feiern, ist das eine nette Geste. Aber die Darsteller werden damit um den Lohn ihrer Arbeit gebracht und bekommen nicht den verdienten Applaus - vor allem Torben Appel nicht, der kurzfristig für einen erkrankten Kollegen eingesprungen ist und einen facettenreichen, von Macht und Magie zerriebenen Krabat auf die Bühne gezaubert hat: Eine großartige Leistung an einem Abend mit kleinen Schwächen.

Frank Dietschreit, radio3

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