Andreas Scholl: Invocazioni Mariane © Naive
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Album der Woche | 08.07. - 14.07.2024 | VERLOSUNG - Andreas Scholl: "Invocazioni Mariane"

Der Countertenor Andreas Scholl, die Accademia Bizantina und ihr Konzertmeister Alessandro Tampieri arbeiten schon seit über 20 Jahren zusammen – ein echtes "match made in heaven", könnte man sagen. Himmlisch geht es auch auf dem neuen Album dieses Teams zu: Invocazioni Mariane, also Anrufungen der Maria, heißt es. Fast alles dreht sich hier um Maria, die als Gottesmutter auch musikalisch verehrt wird. Dafür ist Andreas Scholl sogar selbst in die Rolle der Maria geschlüpft.

Maria ist ohne Zweifel die zentrale Frauenfigur im Neuen Testament. Als Mutter Jesu und Co-Redemptrix, also als Mit-Erlöserin, wird sie – mal mit einem Salve Regina, mal mit einem Stabat mater – verehrt und angerufen. Beinahe wie eine Göttin, aber eine mit deutlich menschlichen Zügen.

Das Menschliche im Göttlichen

"Was die Figur so interessant macht für Durchschnitts-Christen, zu denen ich mich ja auch zähle, ist, dass sie zugänglich ist. Was Mütterlichkeit bedeutet, was mütterliche Liebe bedeutet, was Verlust eines Kindes bedeutet – dazu können wir natürlich viel schneller Bezug nehmen", sagt Andreas Scholl.

Die Jungfrau Maria als prima donna

Maria wird auf dem neuen Album von Andreas Scholl und der Accadmia Bizantina nicht nur angebetet: In diversen neapolitanischen Oratorien von Opernkomponisten des 18. Jahrhunderts spielt sie höchstpersönlich mit! Bei Leonardo Vinci im Oratorio a 4 voci erlebt man sie als Trösterin. Im Oratorium des Gesangslehrers und Komponisten Nicola Porpora "Il trionfo della divina giustiza ne’ tormente e morte di Gesù cristo" - "Der Triumph der göttlichen Gerechtigkeit in der Qual und im Tod Jesu Christi" - wird Andreas Scholl zur leidenden Maria am Kreuzweg. Seine Gestaltungskraft ist dabei deutlich einprägsamer als der Titel dieser Komposition.

Formvollendete Zurückhaltung

Auch wenn die Versuchung groß war, hier zu verzieren, entscheidet sich Andreas Scholl bewusst gegen viele Triller und ornamentales Beiwerk. Der Ausdruck des Affekts und ein klarer Klang stehen im Vordergrund. Das mag manche Erwartung enttäuschen, aber Andreas Scholl steht dazu: "Die stärkere Entscheidung ist, sich zurückzunehmen.“

Ein Salve Regina im Geiste der Opera Buffa

Sogar einer der beliebtesten Opera-Buffa Komponisten des 18. Jahrhunderts hat sich an eine Marienvertonung gewagt, bleibt sich selbst dabei aber treu. Mit dem heiteren und lebhaften Salve Regina von Pasquale Anfossi gibt es einen regelrechten Stimmungswechsel:

"Es ist schon eine ganz andere Kompositionssprache. Wir hören, dass wir uns schon im galanten Stil bewegen. Man hört schon 'mozartartige' Formeln."

Das Stabat mater ist für mich ein Trip, eine Reise, auf die sich der Sänger mit seinem Publikum und dem Orchester begibt. Das Stück zieht einen immer weiter hinein.

Erstklassiges Tutti und virtuoses Solo

Bei der Accademia Bizantina und Andreas Scholl läuft es wie geschmiert: Hier wird absolut präzise musiziert und doch lebendig und einfallsreich. In Instrumentalstücken wie Pergolesis Violinkonzert in B-Dur tritt der Konzertmeister Alessandro Tampieri als Solist auf – Virtuosität auf höchstem Niveau!

Ein musikalischer Wegbegleiter

Das wohl bekannteste Stück auf dem Album ist das Stabat mater von Antonio Vivaldi. Vivaldi hat das Werk für Ensemble und einen Sänger komponiert, der wie eine Art Lotse durch das Stück führt: von der Beobachtung der Szenerie bis hin zum Appell ans Publikum, mit Maria mitzuleiden.

"Das Stabat mater ist für mich ein Trip, eine Reise, auf die sich der Sänger mit seinem Publikum und dem Orchester begibt. Das Stück zieht einen immer weiter hinein.“

Das Stabat Mater von Vivaldi ist zweifellos ein Höhepunkt des Albums. Andreas Scholl singt die Komposition schon seit 30 Jahren mit Hingabe im Konzert. Hier findet er zu sich selbst, hier fühlt er sich zu Hause. Schön, dass er uns die Summe seiner Erfahrungen nun noch einmal präsentieren kann.

"Das Stabat mater nimmt mich immer wieder mit und diese Begeisterung und diese Freude – jetzt, mit 56, empfinde die immer noch, vielleicht sogar nach stärker und tiefer als als junger Sänger.“

Henrike Leißner, radio3

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