Tafel hinter dem Reichstag mit dem Text zu Artikel 5 des Grundgesetzes (GG), Recht auf Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Freiheit der Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre © picture alliance/ Fotostand/ Reuhl
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Die Debatte mit Natascha Freundel, Elke Buhr und Leon Kahane - Eine Klausel und die Kunstfreiheit

"Antisemitismus ist keine Meinung." (Leon Kahane)

"Kunst ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, sie dient dem Austausch miteinander, ist oft Reibungsfläche, an der sich Debatten entzünden und gibt Denkanstöße. Kunst ist frei! Aber nicht regellos." So erklärte Berlins Senator für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Joe Chialo, zu Jahresbeginn die Einführung einer "Antidiskriminierungsklausel" für Zuwendungen seines Hauses. – Berliner Kulturschaffende reagierten prompt und heftig:

Ein Offener Brief mit inzwischen fast 6.000 Unterschriften verlangt die umgehende Zurücknahme der Klausel, in der Antisemitismus und Israelkritik eine besondere Rolle spielen. Ein Appell von Kulturvereinigungen – Rat für die Künste, Koalition der Freien Szene, bbk berlin, LAFT Berlin, inm berlin, Netzwerk Berliner Filmfestivals – fordert, "diese Antidiskriminierungsstrategie im gemeinsamen Dialog zu überarbeiten". Sie berufen sich auf Beurteilungen namhafter Juristen im Verfassungsblog: Diese Klausel gefährde unsere Meinungs- und Kunstfreiheit. Ein Streitgespräch.

Der Kulturbetrieb ist der Ort, wo ich auch Leute haben möchte, die eine andere Meinung haben als ich und die unterschiedliche Meinungen haben. Es muss der Ort sein, wo man sich dann darüber austauscht, auch darüber, was ist Antisemitismus. Der Staat soll es nicht vorher wissen. Der Staat soll nicht sagen: Das ist antisemitisch, deswegen wollen wir diese Leute nicht da haben. Das ist ja auch etwas, das sich die ganze Zeit verändert. Gerade die Beurteilung des Handelns des Staates Israel verändert sich. Da haben Leute unterschiedliche Perspektiven, müssen sie auch haben. Und die sollen sich doch frei austauschen können, ohne dass sie vorher eine Klausel unterschreiben.

Elke Buhr

Der Konflikt in Israel ist ein konkreter Konflikt. Der lässt sich deshalb in gewisser Weise, bei aller Dramatik und und Tragödie, auch zwischen Israelis und Palästinensern viel besser adressieren, also vor allem in Israel, zum Beispiel zwischen palästinensischen Künstlern und israelischen Künstlern, wie es glaube ich auch allen Kunsthochschulen gerade stattfindet. Außerhalb hat er eine so starke Projektionsebene, die hat eine Eigendynamik, und da ist der Unterschied zwischen Anti-Zionismus und Antisemitismus überhaupt nicht mehr klar. [...] Eine Sache ist aber klar: Antisemitismus ist keine Meinung. Antisemitismus ist Antisemitismus. Rassismus ist Rassismus.

Leon Kahane
Elke Buhr (© Wolfgang Stahr) und Leon Kahane (© Nils Emmerichs)
Elke Buhr und Leon Kahane | Bild: Wolfgang Stahr || Nils Emmerichs

Elke Buhr, 1971 in Bochum geboren, ist seit 2016 Chefredakteurin von Monopol, dem Magazin für Kunst und Leben. Sie hat in Germanistik, Geschichte und Journalistik in Bochum, Bologna und Dortmund studiert und beim Westdeutschen Rundfunk in Köln volontiert. Als Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau verantwortete sie das Kunstressort. Darüber hinaus veröffentlichte sie Texte in DIE ZEIT, Texte zur Kunst, Art oder Modern Painters und schrieb teilweise preisgekrönte Radioessays und Features für den WDR, den BR, den SWR und den HR. Seit 2008 gehört sie der Monopol Redaktion an und war dort zunächst stellvertretende Chefredakteurin.

Leon Kahane, 1985 in Berlin geboren, ist Bildender Künstler. Er hat an der Ostkreuzschule Berlin Fotografie und Kunst an der UdK studiert. Dort war er Assistent von Wolfgang Tillmans und Hito Steyerl. Seine Videoarbeiten, Installationen und Fotografien werden international ausgestellt und mehrfach prämiert. 2023 nahm er an der Gruppenausstellung "Who by Fire: On Israel" im Haus am Lützowplatz teil und zeigte "gedenken unserer durch die Tat!” im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst, Dieselkraftwerk Cottbus, sowie “vom wir zum ich” im Jüdisches Museum Berlin. Fokus seines Interesses sind häufig die kulturelle und künstlerische Repräsentation politischer Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit.

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Der zweite Gedanke; © radio3
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Debatte mit Natascha Freundel & Gästen - Der Zweite Gedanke

Hier wird nicht nur debattiert, hier wird auch zusammen nachgedacht. Über alles, was unser Miteinander betrifft. Bildung, Digitalisierung, Demokratie, Einsamkeit, Freiheit, Klima, Kultur, Städtebau, Visionen - die Themen liegen in der Luft, nicht erst, aber besonders deutlich seit der Corona-Pandemie. Jede Folge widmet sich einer Frage unserer Zeit. radio3-Redakteurin Natascha Freundel spricht jeweils mit zwei Gästen, die wissen, wovon sie reden. Philosophisch, aber nie abgehoben. Persönlich, aber nicht privat. Kritisch und konstruktiv. Hier soll es nicht knallen, sondern knistern. Immer auf der Suche nach dem zweiten, neuen Gedanken.