Natascha Freundel im Gespräch mit Nino Haratischwili und Helene Bukowski © Thomas Ernst
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Natascha Freundel im Gespräch mit Nino Haratischwili und Helene Bukowski - Kriegerinnen - Weibliche Körper im Kampf

"Man muss nicht immer kämpfen, aber widerständig bleiben." (Helene Bukowski)

Eine Aufzeichnung vom 8. März 2024 im Rangfoyer des Deutschen Theaters Berlin, in Kooperation mit DT Kontext.

Der Krieg ist zurück in Europa. Eine Zeitenwende, die einen "Mentalitätswechsel" verlangt: Wir müssten "kriegstüchtig werden", "wehrhaft sein", so Verteidigungsminister Boris Pistorius. – Auch oder gerade wir Frauen?

Die Autorinnen Nino Haratischwili und Helene Bukowski schlagen im Gespräch mit Natascha Freundel einen weiten Bogen von der Antike zur Gegenwart. Haratischwili zeigt am Deutschen Theater Berlin ihre neue Adaption des Penthesilia-Mythos: dezidiert kein Kommentar zu Russlands Krieg gegen die Ukraine, sondern eine Reflektion über die Zwänge des Kriegs und das Glück der Liebe. Für Haratischwili, die in Georgien geboren und aufgewachsen ist, hat der Krieg nicht erst vor zwei Jahren begonnen. Sie kennt ihn seit ihrer Kindheit und sie warnt vor einer Romantisierung der Amazonen: Jede Ideologie, auch ein radikaler Feminismus, führe zu Gewalt und Leid.

Helene Bukowski hat für ihren Roman "Die Kriegerin" über Geschlechterrollen und Körperbilder in der Bundeswehr recherchiert. Soldatinnen fehle oft die Sprache für ihre Wunden und ihre Sehnsucht nach Unverletzbarkeit, erzählt sie. Komplizinnenschaft und Kickboxen sind für Bukowski zwei Wege, widerständig zu bleiben. In einer Welt, in der Gewalt gegen Frauen, gegen weibliche Sexualität, an der Tagesordnung ist. Nicht nur, aber besonders im Krieg.

Ich weiß nicht, wie man kriegstüchtig wird. Also ich glaube nicht, dass es etwas ist, worauf man sich vorbereiten kann: dann kommt der Krieg und das läuft irgendwie super. Aber ein Bewusstsein zu haben, absolut! Wie kann man überhaupt in Bezug auf diesen Angriffskrieg irgendetwas Gutes sagen? Wenn es etwas Gutes gab, dann ist das tatsächlich so eine Art von Aufwachen nicht nur hierzulande, sondern im gesamten Westen. Das hat die Ukraine schon geschafft, im Unterschied zu Georgien oder Tschetschenien. Ich glaube aber nicht daran, dass man sich für und auf einen Krieg vorbereiten kann. Ich weiß nicht, wie das gehen soll.

Nino Haratischwili

Jeden vierten Tag wird eine Frau umgebracht, meistens von ihren Partnern. Ich finde, dagegen sollte man sich vielleicht auch körperlich ausbilden. Mit Freundinnen solidarisch zu sein, ist dann auch so eine Gegenbewegung. Alleine funktioniert es halt nicht. Wir brauchen die Gemeinschaft. Wir müssen aufeinander achtgeben. Darin liegt ja auch etwas Schönes, füreinander zu sorgen. Dass wir dazu fähig sind, finde ich immer wieder beeindruckend. Aber ich finde, manchmal muss man dann vielleicht auch jemanden körperlich niederschlagen. Punkt.

Helene Bukowski

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Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tbilissi/Georgien, ist Romanautorin, Dramatikerin und Regisseurin. Sie studierte Filmregie am Staatlichen Institut für Film- und Theater in Tbilissi und Theaterregie an der Theaterakademie Hamburg. Ihr großes Familienepos "Das achte Leben (Für Brilka)" von 2014, in 25 Sprachen übersetzt, avancierte zum Weltbestseller. Eine internationale Verfilmung ist in Vorbereitung. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Anna-Seghers-Literaturpreis, dem Bertolt-Brecht-Preis und dem Schiller-Gedächtnispreis. Ihr jüngster Roman "Das mangelnde Licht" (Frankfurter Verlagsanstalt 2022) wurde bereits vor der Veröffentlichung in 15 Länder verkauft. Ihr Stück „Phädra, in Flammen“, im Oktober 2022 am Royal District Theatre Tbilissi von ihr selbst aufgeführt, kam im Mai 2023 am Berliner Ensemble zur deutschen Erstaufführung. In "Penthesilea. Ein Requiem" zeigt Haratischwili eine Neudeutung des antiken Mythos mit Schauspielerinnen aus Georgien und dem DT-Ensemble in einer zweisprachigen Inszenierung.

Helene Bukowski, geboren 1993 in Berlin, lebt heute wieder in ihrer Geburtsstadt. Sie studierte am Literaturinstitut Hildesheim und leitet neben dem Schreiben auch Seminare und Workshops für Kreatives Schreiben. 2019 erschien ihr Debütroman "Milchzähne", 2022 folgte der Roman "Die Kriegerin" (beide Blumenbar/Aufbau Verlag). Ihre Bücher wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und waren u. a. Mara-Cassens-Preis, den Kranichsteiner Literaturförderpreis und den Preis der LiteraTour Nord nominiert. "Milchzähne" wurde in der Regie von Sophia Bösch, u.a. mit Susanne Wolff und Ulrich Matthes verfilmt und kommt 2024 in die Kinos.

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Debatte mit Natascha Freundel & Gästen - Der Zweite Gedanke

Hier wird nicht nur debattiert, hier wird auch zusammen nachgedacht. Über alles, was unser Miteinander betrifft. Bildung, Digitalisierung, Demokratie, Einsamkeit, Freiheit, Klima, Kultur, Städtebau, Visionen - die Themen liegen in der Luft, nicht erst, aber besonders deutlich seit der Corona-Pandemie. Jede Folge widmet sich einer Frage unserer Zeit. radio3-Redakteurin Natascha Freundel spricht jeweils mit zwei Gästen, die wissen, wovon sie reden. Philosophisch, aber nie abgehoben. Persönlich, aber nicht privat. Kritisch und konstruktiv. Hier soll es nicht knallen, sondern knistern. Immer auf der Suche nach dem zweiten, neuen Gedanken.