May December © Netflix
Netflix
Bild: Netflix Download (mp3, 12 MB)

Filmdrama - "May December"

Bewertung:

Sexueller Missbrauch, eine ungleiche Ehe und die Sensationslust des Reality-TV – in Todd Haynes "May December" steckt eine Menge drin. Der Film lebt aber vor allem von seinen Oscar-prämierten Hauptdarstellerinnen. Julianne Moore und Natalie Portman liefern sich ein schauspielerisches Duell der Extraklasse, bei dem es am Ende nur Verlierer gibt.

Mit Mitte 30 hat Gracie Atherton-Yu (Julianne Moore) mit einem 13-Jährigen ein Kind gezeugt. Joe (Charles Melton), ein Schulfreund ihres ältesten Sohnes, hatte als Aushilfskraft in dem Zoo-Laden gejobbt, in dem sie damals beschäftigt war. Der Skandal hat das Leben dieser zwei Menschen von Grund auf verändert. Gracie hat sich scheiden lassen, eine Zeitlang wegen Missbrauchs im Gefängnis gesessen – und als sie wieder draußen war und Joe volljährig, haben die beiden geheiratet.

May December © Netflix
Bild: Netflix

Komplexes Beziehungsdrama

Diese – zum Teil auf wahren Begebenheiten beruhende – Geschichte nimmt Todd Haynes zum Ausgangspunkt für ein komplexes Beziehungsdrama: Seit dem Skandal von einst sind mehr als 20 Jahre vergangen und Gracie und Joe leben ein ruhiges, unauffälliges Leben in einer amerikanischen Vorstadt. Bei den Nachbarn sind sie beliebt, ihre Kinder bereiten sich auf ihren Highschool-Abschluss vor. Endlich scheint Gras über die Sache gewachsen. Doch ausgerechnet jetzt kommt ein Fernsehsender auf die Idee, einen Film über die Geschichte zu drehen – und plötzlich sind die Gespenster von einst wieder da.

Vorsichtiges Abtasten

Das Unheil kommt in Person von Elizabeth Berry (Natalie Portman). Die ehrgeizige Schauspielerin soll Gracie im Film verkörpern. Da sie ihren Ruhm bislang vor allem einer billigen Trash-Serie verdankt, brennt Elizabeth darauf, endlich ihr wahres schauspielerisches Talent zu zeigen – und Gracie soll ihr dabei helfen. Die wiederum hat dem Filmprojekt zugestimmt in der Hoffnung, nun endlich späte Gerechtigkeit zu erfahren. Es beginnt ein vorsichtiges Abtasten zwischen diesen beiden Frauen. Während Elizabeth sensationslüstern auf intime Details der Geschichte hofft, versucht Gracie ein möglichst positives Bild ihrer Ehe zu zeichnen.

Eine Vielzahl von Anspielungen

Spannendes Autorenkino mit komplexen, oft sehr widersprüchlich angelegten Hauptfiguren, das ist die Spezialität von US-Regisseur Todd Haynes. Das hat er in den letzten Jahren immer wieder gezeigt in Filmen wie "Carol", "Dark Waters" oder "I’m not there" - und das gelingt ihm auch in "May December", auch wenn er diesmal ein fremdes Drehbuch (Samy Burch) verfilmt hat. Sein Erzählton ist beiläufig, fast dokumentarisch. Doch in seinen Bildern (Kamera: Christopher Blauvelt) hat Haynes eine Vielzahl von Anspielungen und Zitaten versteckt: Auf den Ingmar Bergman-Film "Persona" beispielsweise, in dem sich eine Schauspielerin und eine Krankenschwester ganz ähnlich umkreisen wie es hier Julianne Moore und Natalie Portman tun.

May December © Netflix
Bild: Netflix

Duell der Oscar-Preisträgerinnen

Das Duell der beiden Oscar-Preisträgerinnen wird zum zentralen Element des Films. Julianne Moore hat sich für ihre Rolle ein künstliches Lispeln zugelegt, was Gracies Unsicherheit hervorhebt. Immer dann, wenn die schöne heile Welt ins Wanken gerät, die sie um sich herum gebaut hat, wird das Lispeln stärker. Und Natalie Portmans Elizabeth lässt derweil immer mehr ihre Maske fallen. Aus der angeblich so einfühlsamen Beobachterin wird ein sensationslüsterner Vampir auf der Suche nach Stoff für ihre Rolle.

Abrechnung mit dem Fernsehen

"May December" ist aufrüttelndes Kino, gespielt von zwei herausragenden Hauptdarstellerinnen. Eine Abrechnung mit dem Fernsehen, mit der scheinheiligen Welt der Doku-Soaps und des Reality-TV und das verstörende Porträt zweier Menschen, die ihre (Missbrauchs-) Vergangenheit nie aufgearbeitet haben.

Carsten Beyer, radio3

weitere rezensionen

Was uns hält © Film Kino Text - Jürgen Lütz
Film Kino Text - Jürgen Lütz

Filmdrama - "Was uns hält"

Der Film "Was uns hält" des italienischen Regisseurs Daniele Luchetti eröffnete die Internationalen Filmfestspiele von Venedig im Jahr 2020. Das war das erste Jahr der Corona-Pandemie. Wohl deshalb hat es etwas gedauert, bis die synchronisierte Fassung bei uns ins Kino gelangt. Diese Woche läuft der Film in der deutschen Übersetzung an. Die Hauptrolle spielt die italienische Schauspielerin Alba Rohrwacher, das Buch stammt von Domenico Starnone. Im Italienischen heißt der Film "Lacci" – das bedeutet "Schnürsenkel".

Ein Schweigen © Arsenal Filmverleih
Arsenal Filmverleih

Filmdrama - "Ein Schweigen"

Schwierige Kräfteverhältnisse in der Familie sind das große Thema des belgischen Regisseurs Joachim Lafosse, das gilt auch für sein neuestes Werk mit dem bezeichnenden Titel "Ein Schweigen". Wie schon in seinem Film "Unsere Kinder" hat er sich auch hier wieder von einem realen Fall inspirieren lassen: 2007 war Victor Hissel, der als Anwalt die Opferfamilien im Fall des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux vertrat, wegen des Besitzes kinderpornografischen Materials angeklagt worden. Zwei Jahre später hatte Hissels Sohn versucht, seinen Vater umzubringen. "Ein Schweigen" lotet diese dramatische Familienkonstellation fiktiv aus.

Bewertung:
The End we start from © Universal Pictures Germany
Universal Pictures Germany

Filmdrama - "The End we start from"

Diese Woche startet bei uns ein Film mit dem schönen und rätselhaften Titel "The End we start from". Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Megan Hunter erzählt Mahalia Belo darin von einem jungen Paar, das kurz nach der Geburt ihres kleinen Sohnes gezwungen ist, aus der überschwemmten Heimatstadt London aufs Land zu fliehen. Hier die intime Geschichte junger Eltern, dort eine Naturkatastrophe - das sind die größtmöglichen Gegensätze.

Bewertung: