Beatrice Salvioni: Malnata © Penguin
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Roman - Beatrice Salvioni: "Malnata"

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Zwei ungleiche Mädchen finden zwingend zusammen – doch die Gesellschaft ist dagegen. Beatrice Salvionis Debütroman "Malnata" erzählt von der Zeit des italienischen Faschismus und hat seinen Platz in der Regalreihe der starken Mädchenfreundschaftsromane.

Sich nicht mitreißen zu lassen, ist bei diesem Roman keine Option. Es ist so zwingend wie diese Freundschaft zwingend ist. Das jugendliche Gefühl, sich einer Freundschaft gegen alle Gefahren bedingungslos hinzugeben, die Selbstgewissheit aus genau dieser Zeit des Lebens, nur aus der Kraft der Freundschaft Revolutionen anzetteln zu können – das muss einen mitreißen.

Und diese Freundschaft der beiden Figuren im Debütroman der 29-jährigen Italienerin Beatrice Salvioni ist eine kleine Revolution. Denn es handelt sich um eine missbilligte Freundschaft. Aber "missbilligt", das sagt sich recht leicht. Übersetzt in die Zeit, in der der Roman "Malnata" angesiedelt ist – den 1930er Jahren, der Zeit des italienischen Faschismus – bedeutet es so viel wie: Der Teufel wird Euch holen, wenn Ihr Euch widersetzt und Freundinnen bleibt!

Freundschaft zweier ungleicher Mädchen

Abgesehen davon, dass beide zwölf Jahre alt sind, sind die zwei Mädchen sehr ungleich. Francesca, die (zunächst) brave, angepasste von beiden ist diejenige, die die Geschichte auch als Ich-Erzählerin erzählt. Eine Erzählkonstellation, die schon bei Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" wunderbar aufgegangen ist. Sie ist ein Mädchen aus gutem Hause, für sie bestand die Welt bislang "aus Regeln, die man nicht übertreten durfte." Sie war "ein furchterregender Ort voller Verbote, wo man sich vorsichtig wie auf Zehenspitzen bewegen musste, um ja nichts zu berühren. Vor allem als Mädchen."

Aber dann ist da dieses andere Mädchen, das dieses ganze Korsett an Regeln scheinbar nicht zu tragen hat. Dem diese Taubheit, kaum mehr zu spüren, ob man überhaupt am Leben ist, fremd zu sein scheint. Weil sie sich alles, was mit Leben zu tun hat, einfach nimmt. Maddalena heißt das Mädchen, sie wird aber von allen nur "die Malnata" genannt, "die Unheilbringende". Die Menschen haben Angst vor ihr, gehen ihr aus dem Weg, weil – so sagt man – der Teufel in ihr steckt, weil sie Menschen, die ihr zu nahe kommen, angeblich ins Unglück oder in den Tod stürzt.

Man sagt, die Malnata bringe Unheil

Dafür ist sie frei im Geist. "Ich habe vor nichts Angst", ist ihr Mantra. Sie läuft barfuß, hat aufgeschürfte Knie, eine schief geschnittene Frisur, fängt Fische im Fluss – am Lambro in der norditalienischen Lombardei. Sie denkt und sagt, was sie will, und wenn sie in der Schule nicht aufstehen will, um das Porträt von Mussolini zu grüßen, dann tut sie es auch nicht, und wenn sie dafür von der Schule fliegt. Diese Freiheit ist es, die Francesca anzieht und die ihr zu flüstern scheint: Dein ganzes bisheriges Leben besteht aus einer einzigen Lüge … Die faschistische Gesellschaft ist die dritte Hauptprotagonistin und wird in all ihrer aufgeladenen Atmosphäre fast körperlich real.

Wie viel Tragik in dieser Konstellation steckt, wird der Leserin gleich in der ersten Szene klar. Es ist eine Vorausschau: Da liegt Francesca (das 'brave' Mädchen) am Ufer des Lambro im Schlamm, ihr läuft Blut aus Mund und Nase und auf ihr liegt ein dicker Mann – tot. Die Mädchen geben alles, um sich vom Körper des Toten zu befreien und ihn unter Zweigen am Fluss zu verstecken. Das ist die Eingangsszene, und dann geht's – zack – ein Jahr zurück, in die Zeit, in der Francesca mit gebügeltem Kleid und Strumpfhosen auf der Brücke steht und sich über die Brüstung lehnt, um der Malnata heimlich beim Fangen von Fischen zuzusehen.

Diese Unbedingtheit kommt so nicht mehr wieder

Diesen Roman als Erwachsene zu lesen, ist speziell. Man schwenkt zwangsläufig hin und her zwischen erwachsenem und kindlichem Blick. So sehr man auf das Finale hinzittert, so sehr blendet man es zwischenzeitlich aus, weil man sich der Erzählung der Freundschaft hingibt, in der wirklich alle Facetten stecken: Enttäuschung, Zweifel, Verzweiflung, Mutproben und nicht zuletzt: bedingungslose Loyalität. Man beklatscht das Aufbegehren der Mädchen, die keimende weibliche Selbstbestimmung – und gleichzeitig ertappt man sich immer wieder dabei, den Atem anzuhalten und die Vernunft schreien zu lassen "Nein! Tu das jetzt bitte nicht!"

Den beiden Figuren kommt man dabei extrem nah. Sie sind sehr gut ausgemalt und vielschichtig – es ist eine Freude, sie kennenzulernen. Bei den Nebenfiguren hingegen – gerade bei der, die am Ende als toter Mann auf Francesca liegt, hätte ich mir ein bisschen mehr Liebe zur Vielschichtigkeit gewünscht, ein bisschen weniger Schwarz-Weiß-Bösewicht. Sein Handeln war mir zum Schluss in Richtung Finale – selbst unter der Drohkulisse einer bigotten faschistischen Gesellschaft – etwas dick aufgetragen. Ein paar melodramatische Wendungen weniger hätten der Glaubwürdigkeit gut getan.

Aber: Die Geschichte hat Drive und Leidenschaft und kostet dieses jugendliche Gefühl der Unbedingtheit bis aufs Letzte aus. Und nur so viel sei gesagt: Bei der Entscheidung, die Francesca am Ende treffen muss, geht es um nicht weniger als um alles.

Sarah Murrenhoff, radio3

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