Hannah Arendt: Über Palästina © Piper
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Bisher unbekannte Texte erstmals auf Deutsch - Hannah Arendt: "Über Palästina"

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Seit dem Massaker der Hamas und dem Beginn des Gaza-Krieges ist der Konflikt um Palästina wieder in den Fokus der Weltpolitik gerückt. Doch bisher sind alle Versuche gescheitert, die komplexen Zusammenhänge zu entwirren und eine Lösung des Konflikts zu finden. Da kann es nicht schaden, einen Blick in die Geschichte zu werfen und die Analysen einer jüdischen Wissenschaftlerin zu Rate zu ziehen, die sich zeitlebens kritisch mit der zionistischen Idee, der israelischen Staatsgründung und dem palästinensischen Flüchtlingsproblem beschäftigt hat. Aus dem Dunkel des Vergessens sind jetzt zwei bisher unveröffentlichte Texte von Hannah Arendt aufgetaucht, die vielleicht beim Verständnis der aktuellen Konflikte behilflich sein könnten.

Der erste Text (von 1944) sollte in der Zeitschrift des "American Jewish Committee" erscheinen und trägt den Titel "Amerikanische Außenpolitik und Palästina". Doch er wurde nicht veröffentlicht, die aktuellen Kriegsereignisse in Europa und die Frage, wie die Neugestaltung der Weltpolitik nach der sich abzeichnenden Niederlage des Hitler-Regimes aussehen könnte: das war den Herausgebern dann doch wichtiger als die von Hannah Arendt aufgeworfene Frage, wie die amerikanische Außenpolitik mit den sich in Palästina durch den Zustrom jüdischer Flüchtlinge und dem Ende der britischen Kolonialherrschaft abzeichnenden Problemen reagieren sollte. Also verschwand der Beitrag im Archiv.

Der zweite Text (von 1958) versucht eine Lösung zu finden für die sich nach der Staatsgründung und den aus Israel vertriebenen Palästinensern ergebenden Problemen. Arendt ist bei "Das palästinensische Flüchtlingsproblem. Ein neuer Ansatz und ein Plan für eine Lösung" Teil eines 17-köpfigen Autorenkollektivs. Initiiert wurde der Bericht vom New Yorker "Institute for Mediterranean Affairs", veröffentlicht wurde aber nur eine thesenartige Zusammenfassung.

Ein fast unerwähnter Bericht zur Lösung des Palästina-Problems

Welche Ideen und Formulierungen Hannah Arendt beigesteuert hat, ist unklar. Außer in einem Brief an ihren Freund und Vertrauen Karl Jaspers hat sie den Bericht nie erwähnt. Dass der umfangreiche Bericht nicht die erhoffte Aufmerksamkeit und Wirkung entfalten konnte, liegt auch daran, dass sich die Weltpolitik 1958 anderen Problemen zuwandte: der Kalte Krieg drohte, nachdem als russische Panzer erst durch Ost-Berlin und dann durch Budapest rollten, zu einem heißen Krieg zu werden, ein Atomkrieg schien möglich: die Gefahr zu bannen schien dringlicher als die Lösung des Palästina-Problems.

Blick nach Amerika

Arendt reagierte in ihrem Aufsatz über "Amerikanische Außenpolitik und Palästina" auf eine von zwei US-Senatoren in den Kongress eingebrachte Resolution, die ihre Regierung aufforderte, eine "Nationale Heimstätte für die Juden in Palästina" zu schaffen und zu beschützen. Nach heftigen Protesten arabischer Länder und Organisationen wurde die Resolution in Fachausschüsse überwiesen und verpuffte. Arendt meinte, das sei ein "schwerer Schlag" für das "jüdische Volk", der sich auch gegen alle "amerikanischen Bürger" richte, denen "die Sache der Freiheit und Sicherheit" der Juden wichtig sei.

Sie erinnerte daran, dass Amerika ein Einwanderungsland ist und es immer außenpolitische Maxime war, sich einzumischen, wenn in den Herkunftsländern oder Heimstätten ihrer Einwanderer die Freiheit gefährdet ist. Auch wenn die amerikanische Regierung mit ihren Entscheidungen nicht die Ölversorgung durch Saudi-Arabien gefährden darf, sei es auch ihre Aufgabe, Solidarität mit den über 5 Millionen Menschen jüdischer Abstammung in den USA zu üben, denen das Leben der europäischen Juden am Herzen liege. Mit ihrer Entscheidung, eine Öl-Pipeline in Nahost zu bauen, werde man ohnehin Machtfaktor in der Region und müsse politisch und militärisch Stellung beziehen. Nach dem Abzug der Briten aus dem Teil des ehemaligen Osmanischen Reiches, den man historisch als Palästina bezeichnet (einen Staat Palästina gab es nie), werde es zu einem Blutvergießen zwischen Juden und Arabern kommen: Arendt sollte recht behalten.

Vernunft statt Emotion

Arendt und das Autorenkollektiv machen dann 1958 konkrete Vorschläge, wie "Das palästinensische Flüchtlingsproblem" zu lösen ist. Sie sammeln Daten und Fakten, erinnern daran, dass seit 1948, also infolge des Krieges und der Staatsgründung Israels, fast eine Million Palästinenser ihre Heimat verlassen mussten, dass aber die Rückkehr der Vertriebenen oder wenigstens eine großzügige Entschädigung ein maßgebliches Kriterium für einen dauerhaften Frieden ist. Auch wenn die israelische Regierung aus Furcht vor Instabilität und Unterwanderung jede Form von Repatriierung zurückweist, müsse sie erkennen, dass die Situation der staatenlosen Flüchtlinge, die in dem von Jordanien annektierten Westjordanland, in dem von Ägypten verwalteten Gazastreifen sowie im Libanon in Lagern untergebracht sind und kaum eine Überlebensperspektive haben, politischen Sprengstoff enthält und die Gewaltspirale in Nahost ständig vorantreibt.

"Vernunft statt Emotion" lautet das Credo der um Hannah Arendt versammelten Autoren: Realpolitik statt auf historische Ungerechtigkeit zu verweisen oder umstrittene religiöse und politische Ansprüchen geltend zu machen. Die Autoren fordern Ausgleichszahlungen von Israel an die palästinensischen Flüchtlinge sowie von den arabischen Staaten an die aus ihren Ländern vertriebenen Juden. Sie drängen Israel, jährlich eine begrenzte Anzahl von Palästinensern zurückkehren zu lassen und ihnen angemessene Wohnungen und Arbeitsmöglichkeiten zu geben. Die Großmächte sollten schon aus Eigeninteresse und Furcht vor einem Flächenbrand sich für Frieden und eine politische Lösung einsetzen. In den Anhängen werden Flüchtlingszahlen, Rückführungsquoten, Ausgleichszahlungen, Bildungs- und Versorgungsverbesserungen aufgelistet, geben jüdische und arabische Wissenschaftler Statements ab, die als Basis für weitere Debatten dienen könnten.

Ungehört verhallte Warnungen

Aber genützt hat es alles nichts. Die realpolitischen Vorschläge wurden kaum beachtet und unter dem Mantel der Geschichte begraben. Ein Fehler. Manche Probleme wirken wie Krebsgeschwüre, vergiften erst nur eine Region und führen dann die ganze Welt an den Abgrund. Das wusste auch Hannah Arendt, deren Warnungen ungehört verhallten.

Frank Dietschreit, radio3

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